Weiche Hardware
Mitschrift zur
SWR-2-Sendung “Campus” am Samstag,
den 2. September 2000 um 10.05 Uhr (SWR-2 Hörfunk-Redaktion Wissenschaft,
Studio Baden-Baden):
Weiche Hardware
Anmoderation
durch Dr.
Markus Bohn:
In
der Computerbranche herrscht wieder einmal Goldgräberstimmung. Denn
wenn der Cheftechnologe der japanischen Hitachi-Gruppe recht behält
- und dafür spricht einiges, dann werden die herkömmlichen Mikroprozessoren,
wie sie heute in jedem elektronischen Gerät vom Handy bis zum Laptop
stecken, bald alt aussehen wie Methusalem. Die Tage der harten Hardware
sind wohl gezählt, die Zukunft gehört der weichen Hardware. Um
die Verwirrung komplett zu machen: weiche Hardware braucht keine Software
mehr wie die herkömmliche harte Hardware, weiche Hardware braucht
Configware. Denn weiche Hardware ist Flexware. Das klingt alles ziemlich
meschugge, die Idee dahinter ist aber ebenso einfach wie genial: Nicht
nur die Menschen sollen in Zukunft immer flexibler werden und lebenslang
lernen, sondern auch die Mikrochips. Keine eingefahrenen Bahnen mehr in
unseren Köpfen, keine feste Verdrahtung mehr in den Prozessoren. Die
Konfiguration der Chips wird der jeweiligen aufgabe optimal angepaßt
und sozusagen in die Anwendungsprogramme hinein integriert. Seit gut 10
Jahren arbeiten Wissenschaftler nun an diesem Konzept, und jetzt soll der
Durchbruch bevorstehen. Das war jedenfalls die Mehrheitsmeinung auf dem
Fachkongreß dazu, der diese Woche in Villach stattfand.
Interview durch
Klaus
Herbst: Die Kosten
einer Mikrochip-Fabrik verdoppeln sich alle drei Jahre und haben längst
eine Milliarde Dollar überschritten. Die Entwurfskosten für einen
Computerchip steigen exponentiell. Gleichzeitig wird die Lebensdauer der
Hochleistungs-Chips immer kürzer. Sogenannte rekonfigurierbare Mikrochips
sollen aus diesem Teufelskreis herausführen. Diese sind auf eine neu
Art programmierbar, erklärt professor Reiner Hartenstein vom Fachbereich
informatik der Universität Kaiserslautern. Ein sogenannter Konfigurations-Kode
ändert ständig - oder zu bestimmten, gewünschten zeiten
- die Art und Weise, wie die Bauteile des Chips miteinander verschaltet
sind. In Bruchsteilen von Sekunden wird die Logik, die Rechen-Intelligenz
des Chips, neu konfiguriert. Ebenso schnell ändert sich die Verdrahtung,
welche durch Transistoren immer wieder zu neuen Strukturen verknüpft
wird.
“Das kann man sich vielleicht wie einen
Riesen-Rangierbahnhof vorstellen, wo gleichzeitig Hunderte von Waggons
oder gar Zügen hindurchlaufen. Und die Programmierung besteht darin,
daß man die Weichen stellt. Dies wird durch Configware bewirkt und
diese wird intern in irgendwo im Inneren verborgenen Speicherelementen
abgelegt, die dann die Stellung der jeweiligen “Weichen” [Transistoren]
festhalten für eine längere Zeit.”
Man hat also quasi auf Abruf immer
einen neuen Chip. Und letztlich zum Teil einen neuen Computer, wobei die
Hardware dieselbe bleibt. Die Rechner werden noch flexibler. Das ist auch
dringend nötig. Denn nur so können sie die unglaublichen Datenraten
bewältigen - oder routen -, die im Internet in jeder Sekunde hin-
und hergeschoben werden. Erstmals hat eine Firma aus dem Silicon Valley,
sie heißt Xilinx, eine Schaltung vorgestellt, die über das >Internet
rekonfiguriert wird.
“Die Prozessoren, die für das
Routing verwendet werden, kommen längst nicht mehr mit. Jetzt sind
vierzig Start-ups und teils auch größere Firmen wie Motorola,
Lucent und IBM dran, neue spezielle Netzwerkprozessoren für dieses
schnelle Routing zu entwickeln. Man möchte gerne, wie es über
die Glasfaser ankommt, jedes Daten-Package sofort umdirigieren. Derzeit
wird das noch per Software gemacht, und das dauert. Die neuen Prozessoren
haben rekonfigurierbare Anteile. Man muß ja die Strategie immer wieder
ganz geschwind umschalten. Diese will man im Nanosekundenbereich umschalten.
Und dafür müßte man jeweils ein neues Softwaremodul starten.
Das dauert viel zu lange. Und das wird jetzt mit rekonfigurierbaren Anteilen
gemacht”
Der Vorteil: Physisch ändert sich
im Chip nichts. Aber die ständig neue Verschaltung der einzelnen Komponenten,
die so genannte Architektur, bewirkt ein hohes Maß an Parallelität.
Dadurch steigert sich die performance, die Leistung, Der Datendurchsatz
wird bis z Tausend mal größer; hat die Forschung gezeigt. Dringend
nötig geworden sind rekonfigurierbare Mikrochips auch für die
unausgereifte UMTS-Mobilfunk-technologie. Schon jetzt gelten die versteigerten
Frequenzbänder als vollgestopft. Es bedarf besserer algorithmen für
aufwendigere Kodierverfahren und für leistungsstärkere Fehlerkorrektur,
konstatiert Reiner Hartenstein:
“Bei diesen neuen Handies, die jetzt
mit dem UMTS-Verfahren kommen, ist das eine Voraussetzung dafür, daß
so etwas überhaupt zu einem erschwinglichen Preis angeboten werden
kann. // Diese Elektronik kann man nicht ohne einen rekonfigurierbaren
Anteil realisieren. Im Moment ist das ja noch ein VW-Transporter voll Elektronik.
Wenn man überlegt: das soll in zwei Jahren auf den Markt kommen, das
kann man sich ja fast nicht vorstellen. - Der Standard ist noch nicht stabil,
denn die Standards wie das UMTS sind ja eigentlich noch garnicht so richtig
erprobt worden -, daß man dann sozusagen drahtlos Upgrades in das
Gerät hineinfunken kann, daß es dann auf den neuesten Stand
gebracht wird. Und so etwas geht also nur über Configware.”
Die Technologie, Computerchips über
Funk oder das Internet neu zu organisieren, ist also die Voraussetzung
für neue Multimediaanwendungen. Außerdem ist sie ein Gewinn
für die Umwelt. Ein heutiger PC ist schon nach achtzehn Monaten veraltet
und landet früher oder später auf dem Müll - trotz hochgiftiger
Inhaltsstoffe wie Blei, Mangan, Cadmium und Brom. Hier sorgen rekonfigurierbare
Chips dafür, daß die Rechner deutlich langlebiger werden. Reiner
Hartenstein nennt einen weiteren Vorteil:
“Wenn der Technologiefortschritt abnimmt
und die Halbleiterindustrie langsam zu verlottern droht // dann ist die
Architektur bereit, der Innovationstreiber zu werden. Das heißt,
man kann diese Innovationslawine, wie wir sie jetzt haben, im selben Tempo
weiterführen.”
Fazit: Die Technologie rekonfigurierbarer
Mikrochips ist ein Forschungsschwerpunkt - und möglicherweise auch
ein Ausweg. Denn viele Informatiker glauben, daß konventionelle Computerchips
schon bald an ihre technische Grenze gelangen.



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